„Wir wurden von den Änderungswünschen überrollt“
Burkhard Nauroth, Erster Kreisbeigeordneter des Landkreises Mayen-Koblenz

Der Erste Kreisbeigeordnete Burkhard Nauroth zieht im Interview sehr selbstkritisch Zwischenbilanz und spricht Probleme offen an - Vom Konzept weiterhin absolut überzeugt

Bei der Vorbereitung und Umstellung auf das neue Abfallsystem ist das meiste nach Plan gelaufen. Doch es gibt auch Probleme, die bei vielen Bürgern für Kritik, Ärger und Frust sorgen – was sie auch deutlich äußern. „Verständlich und berechtigt“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Burkhard Nauroth, im Kreishaus zuständig für die Kreislaufwirtschaft und Verbandsvorsteher des Abfallzweckverbandes (AZV). Er redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Wir haben uns einiges anders vorgestellt.“

In der Dezembersitzung des Kreistages am 21. Dezember haben Sie noch Zuversicht ausgestrahlt, dass ab dem 1. Januar alles rund läuft. Aber jetzt kochen viele Bürger und schimpfen. Waren Sie zu blauäugig?

Nein, wenn man blauäugig an so ein Riesenprojekt geht, scheitert man. Davon sind wir zum Glück weit entfernt. Und: Ich bin immer noch zuversichtlich, dass bald alles rund läuft. Bei einem Großteil unserer Bürger ist sowohl das Einsammeln der alten Tonnen, das Austeilen der neuen Behälter als auch der Wechsel der Leerungen auf den Abfallzweckverband reibungslos verlaufen. Da hat unser Projektmanagement gut funktioniert. Aber wir hatten vorher ein starres System. Es gab nur eine Tonnengröße, egal ob in einem Haushalt 1 Person oder 6 Personen wohnten. Jeder Haushalt mit der gleichen Personenzahl zahlte die gleiche Gebühr, egal ob er viel oder wenig Müll produzierte, in einer kleinen Mietwohnung oder einem großen Haus mit einem riesigen Garten wohnte. Das haben wir geändert und ein bedarfs- und verursachergerechteres System entwickelt. Und: Statt der 260l-Einheitstonne bieten wir jetzt insgesamt 11 Tonnengrößen für die verschiedenen Abfallarten an, aus denen die Bürger sich – im Rahmen unserer Satzung – ihre Wunschausstattung zusammenstellen können. Davon machen die Mayen-Koblenzer regen Gebrauch, das haben wir unterschätzt.

Monatelange Arbeit, die am Schluss innerhalb einer guten Woche erst die Probleme offenbart? Schwer zu glauben.

Wenn Sie ein Auto auseinanderbauen, komplett neu konstruieren und wieder zusammensetzen, merken Sie auch erst beim Drehen des Schlüssels, ob der Wagen wieder startet, ob er ruckelt, rund oder sogar besser läuft als vorher. Unser Wagen, um bei dem Bild zu bleiben, läuft wieder und er wird besser laufen als vorher. Für das Feintuning brauchen wir aber noch ein paar Wochen.

Ihr Bild könnte viele an die A-Klasse erinnern, die bei der Markteinführung den Elchtest nicht bestand. Hand aufs Herz: Was ist Ihnen in die Quere gekommen?

Unser Elch sind zum einen die Änderungswünsche beim Tonnentausch, die... 

... viele Bürger schon vor Monaten gemeldet haben – und nicht erst in den letzten Wochen.

Ja, das ist richtig. Von September bis Mitte November wurden die alten Behälter eingesammelt und die neuen verteilt. 400.000 Tonnen wurden bewegt. Das lief nicht perfekt, was wir bei diesen Mengen auch nicht erwartet hatten, aber es lief gut. Wo es nicht funktioniert, bedeutet das zusätzlichen Aufwand für uns und die Betroffenen. Das ist ärgerlich und ich verstehe, dass die Bürger sauer sind, wenn wir das nicht zügig regeln. Dann gibt es die alte Fußballweisheit: Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Das haben wir auch erlebt,...

...als nicht genug Tonnen vorrätig waren. Peinlich, oder?

Das geht wirklich nicht auf unsere Kappe. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit der Firma ESE gemacht. In der Produktion von Neuruppin ist die Gussform einer Tonne geplatzt. Wir mussten dann über ein Werk in Frankreich ordern. Geht alles, kostet aber Zeit und bringt Sand ins Getriebe.

Was ist denn aus Ihrer Sicht das Hauptproblem?

Wirklich ins Schleudern gebracht haben uns die vielen Änderungswünsche. Gut die Hälfte der 65.000 Haushalte hat sich bei unserer Abfrage im vergangenen Frühjahr gemeldet. Da ging es nur um die Biotonnen. Das wurde bei der Auslieferung im Herbst schon berücksichtigt. Seit dem Tausch sind aber weitere 35.000 Änderungsanträge eingegangen, die wir abarbeiten müssen. In den meisten Fällen betrifft das wieder Biotonnen...

...also sind die Betroffenen selbst schuld?

Nein, wir haben ja mit Nachzüglern gerechnet. Aber nicht in dieser Masse. Wir hatten schon bis zum Jahreswechsel eine Menge an Änderungsanträgen. Und es erreichte uns eine weitere Flut nach dem ersten Januar, weil die Bürger offenbar glaubten, dass erst dann Anträge entgegengenommen werden, vielleicht konnten sie die angegebenen Tonnengrößen schwer einschätzen. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Fakt ist: Die Quote der Änderungswünsche liegt bei uns deutlich über den Erfahrungswerten bei Umstellungen in anderen Landkreisen. Dort lag sie bei 5 bis 8 Prozent. Wir liegen jetzt bei 16 Prozent. Damit konnen wir in diesem Umfang nicht rechnen. 

Konnten Sie nicht früher gegensteuern?

Parallel zur Behältererstverteilung wurden schon ab dem 1. Oktober Änderungswünsche mit einem dreiköpfigen Behälterteam abgearbeitet. Als wir gesehen haben, dass die Zahlen steigen, haben wir sofort reagiert und die Logistik deutlich ausgeweitet: Derzeit liefert ein Team von 20 Personen mit 16 Lkw täglich mindestens 500 Gefäße aus. 15.000 von 35.000 Aufträgen sind erledigt. Aber es kommen immer noch Änderungsanträge rein.

Bei aktuell 20.000 Restaufträgen und 500 Lieferungen pro Tag heißt das: Es dauert noch 40 Arbeitstage, sprich acht Wochen, bis das abgearbeitet ist? Wohlgemerkt, ohne die neuen Aufträge.

Richtig, rein rechnerisch wären es noch acht Wochen. Wir arbeiten aber auch samstags und haben ein weiteres Aufstocken der Verteilteams eingeleitet, weitere Optimierungen in der Tourenplanung und bei der Technik - durch neuere und schnellere Hand-Scanner, die schon im Einsatz sind - eingeführt. Die Zahl der Verteilungen wird damit stark steigen.

Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Die Kreislaufwirtschaft ist telefonisch nicht erreichbar oder es dauert ewig, bis Mails beantwortet werden. Guter Service sieht anders aus, oder?

Ich habe um Verständnis für die Verzögerungen gebeten, verstehe aber sehr gut, dass den Betroffenen die Geduld ausgeht. Derzeit machen fast 20 Mitarbeiter im Kreishaus nichts anderes als telefonieren und Mails beantworten. Die Mannschaft wurde gerade nochmal um 4 Kräfte aufgestockt. Hinzu kommt die Unterstützung durch ein geschultes externes Call-Center. Die Zahl der täglich abgearbeiteten Aufträge haben wir sehr deutlich erhöht, aber die Wartezeiten für die Bürger sind auch uns unangenehm.

Stimmt der Vorwurf, dass die Mitarbeiter nicht ans Telefon gehen bzw. gehen wollen? Der Gedanke drängt sich auf, wenn ein Freizeichen ertönt, aber niemand rangeht.

Nein, das ist falsch. Wir haben eine Ringschaltung, die technisch bedingt ein Freizeichen gibt. Das ist unserer Telefonanlage im Kreishaus geschuldet. Ich bitte auch zu bedenken, dass die Mitarbeiter das, was sie mit dem Bürger am Telefon besprochen haben, im Anschluss ja auch noch in die EDV eingeben müssen. Das Team macht Überstunden ohne Ende mit Abend- und Wochenendarbeit. Dafür bin ich dankbar.

Jetzt ist der Abfallzweckverband für die Abfuhr zuständig. Auch hier gibt es Beschwerden. Wollten Sie nicht unter Beweis stellen, dass die Rekommunalisierung funktioniert?

Sie wird funktionieren. Die Müllabfuhr läuft seit 2. Januar ohne größere Beanstandungen bis auf die Kinderkrankheiten. Dass einzelne Straßen bei den ersten Abfuhren nicht angefahren, dass einzelne Behälter nicht geleert wurden, liegt daran, dass nach 25 Jahren ein neues Abfuhrunternehmen im Kreis arbeitet. Das muss und wird sich einspielen. Die neuen Müllwerker kennen noch nicht alle Straßen, alte Absprachen der Bürger mit der Firma SITA sind ihnen nicht bekannt. Wie gesagt, das spielt sich ein.

Wann wird denn der Wertstoffhof mit dem Logistikzentrum in Ochentung fertig?  Rechnen Sie mit Verzögerungen?

Wir sind dort, auch dank des milden Wetters bis Dezember, sehr gut vorangekommen. Wir wollen im Mai fertig werden, Ende Mai zieht die Verwaltung um, offizielle Eröffnung ist im Juni. Ich will aber betonen: Für die Bürger stehen jetzt schon sämtliche Abgabemöglichkeiten an der Deponie zur Verfügung! So war´s auch geplant.

Bleiben wir beim AZV und den Beschwerden: Tonnen wurden nicht geleert, obwohl sie am selben Platz standen wie immer.

Das will ich gar nicht bestreiten. In der Hauptsache betrifft es die Tonnen mit Restabfall, weil der Bürger selbst entscheidet, ob er diese  geleert haben möchte oder nicht. Jede Abfuhr kostet Geld. Für den neuen Müllwerker ist oftmals nicht klar zu erkennen, ob die Tonne immer dort steht oder zur Abfuhr bereitgestellt wurde. Im Zweifel lässt er sie dann lieber stehen, um dem Bürger keine Kosten zu verursachen. Ruft der Bürger an und macht deutlich, dass die Tonne geleert werden sollte, wird sie in der darauffolgenden Woche als Reklamation geleert. Bürger können auch Markierungszeichen bei der Kreislaufwirtschaft anfordern, dann ist klar: Tonne soll nicht geleert werden.

Bleiben wir beim Thema Kosten: Muss ein Bürger, der eine kleinere Tonne haben möchte, die höhere Behältergebühr für die große Tonne bezahlen, bloß weil die Kreislaufwirtschaft mit dem Tausch nicht hinterherkommt?

Nein, beim Tausch von einer kleineren auf eine größere Tonne wird die höhere Gebühr erst ab dem auf den Tausch folgenden Monat berechnet. Umgekehrt wird beim  Tausch von groß nach klein die niedrige Gebühr ab dem 1. Januar berechnet, wenn die Tonne in 2015 bestellt wurde. Bei Bestellungen in diesem Jahr wird die niedrigere Gebühr ab dem Tauschtag erhoben. Niemand soll einen finanziellen Nachteil haben.

Für Papier gibt es eine Vergütung, deren Höhe von der Tonnengröße abhängt. Einige Bürger warten auf eine größere Papiertonne. Ab wann bekommen sie die höhere Vergütung?

Ab dem Tag, an dem ihnen die größere Tonne ausgeliefert wird und sie uns mehr Papier zur Verfügung stellen.

Wie ist der Stand bei den Grünabfallsammelplätzen? Das Pilotprojekt in Andernach wurde zügig eingerichtet, passiert ist – so die Wahrnehmung – nichts mehr.

Ziel ist ein flächendeckendes Netz an Grünabfallsammelplätzen, die die Städte und Ortsgemeinden betreiben. Zwischen Herbst 2014 und März 2015 wurden alle Stadt- und Verbandsbürgermeister angesprochen und um Benennung geeigneter Plätze gebeten. Die Plätze in Andernach und Kruft sowie an der Deponie in Ochtendung sind schon nutzbar, andere sind im Bau, weitere befinden sich im Bauantragsverfahren.

Und was machen die Bürger in der Zwischenzeit mit dem Grünschnitt. Sie bezahlen doch dafür.

Ja, daher haben wir den Stadt- und Verbandsbürgermeistern angeboten, für drei Monate Container an geeigneten Standorten aufzustellen, damit die Bürger schon jetzt eine Entsorgungsmöglichkeit mit kurzen Wegen für ihre holz- und strauchartigen Grünabfälle haben.

Wie steht es bei den Gewerbebetrieben und Großwohnanlagen? Gibt es da auch Verzögerungen?

Wir hatten sie, wenn gewünscht, individuell mit Außendienstmitarbeitern hinsichtlich ihrer Behälterausstattung beraten. Denn das Thema ist komplex. Mal zählt die Anzahl der Betten bei Hotels, die Anzahl der Beschäftigten bei Gewerbe, die Anzahl der Sitzplätze bei Gaststätten, die Anzahl der Gruppen bei Kindergärten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch hier tun wir alles in unserer Macht stehende, um schnellstmöglich noch fehlende Behälter auszuliefern.

Was heißt schnellstmöglich?

In den kommenden beiden Wochen werden weitere 3000- beziehungsweise 5000- Liter-Umleercontainer ausgeliefert.

Ganz ehrlich: Sind Sie noch vom Konzept überzeugt? Was würden Sie anders machen, wenn es ginge?

Ich bin jetzt seit zwanzig Monaten Erster Kreisbeigeordneter und ganz ehrlich: Ich habe noch keine Sekunde an diesem Konzept gezweifelt. Ganz einfach deshalb, weil ich auch als Bürger dieses Landkreises jeden Tag bei mir zu Hause feststelle, dass es funktioniert. Wenn man beim Umgang mit seinen Abfällen nur ein klein wenig mehr darauf achtet, dass man richtig trennt, merkt man schnell: Es bleibt tatsächlich kaum noch Restabfall übrig! Dafür mehr Bioabfall, aus dem wir Biogas und Kompost machen, mehr Papier, mehr Verpackungsmaterialien, die recycelt werden können. Kurz: mehr Wertstoffe, mit denen wir die Umwelt und unsere Ressourcen schonen. Und ganz nebenbei über niedrigere Abfallgebühren auch unser Portemonnaie. Ja, ich bin nach vor davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Was würde ich anders machen? Erfahrungswerte anderer Kreise kritischer sehen, früher das Personal aufstocken, noch früher noch mehr LKWs einsetzen – und vorher eine neue Telefonanlage im Kreishaus installieren!

Ein Zwischenfazit in zwei Sätzen würde bei Ihnen lauten,....

...dass wir vieles richtig gemacht haben, was wir an der deutlich überwiegenden Zahl der Haushalte ohne Probleme sehen. Dass wir gleichwohl den Ärger, die Beschwerden und die Unzufriedenheit wegen Unannehmlichkeiten und Scherereien bei denen verstehen, wo es Probleme gab und gibt - und uns dafür entschuldigen.